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Gemeinschaftsschule aktuell

Reformpädagogik in der NS-Zeit

Montessori und Mussolini - eine weitere sehr unheilige Allianz

Ähnlich, wie Petersen in Deutschland mit den Nationalsozialisten innerlich verbunden war, warf sich Maria Montessori in Italien den Faschisten in die Arme. Welcher beflissene Montessori-Befürworter weiß denn heute, daß Benito Mussolini, der "Duce" der italienischen Faschisten, bis 1934 Ehrenpräsident der Opera Maria Montessori war? Die Affinität der italienischen Faschisten gegenüber dem "reformpädagogischen" Konzept Montessoris fußte auf ähnlicher Grundlage wie die gegenseitige Förderung Petersens und der Nationalsozialisten.

 

An dieser Stelle möge der Hinweis auf die im Klinkhardt-Verlag in einer hervorragenden Übersetzung erschienene Doktorarbeit der niederländischen Wissenschaftlerin Dr. Hélène Leenders genügen. Wir werden uns in Kürze diesem Thema mit weiteren Informationen nähern. (Link auf die Verlagsseite)

Verlagstext:
"Die Besonderheit der Montessori-Methode besteht darin, dass sie die Aktivität nutzt, die jedes Kind hervorbringt und einüben möchte; folglich wird sie auch nicht eine Schule von Widerwilligen, in Gedanken Verlorenen, Faulen, Undisziplinierten und Fahrigen hervorbringen, sondern ist die Grundlage einer frohen Werkstätte von Aktiven, die in der Aktion die Disziplin und die Freude an der Arbeit finden. Diese bilden dabei die eigene Persönlichkeit, die zu höchstem Wert kommt, sie dienen dem Ziel des gesellschaftlichen Zusammenlebens, der produktiven Tätigkeit, des Bewusstwerdens des Wertes und der Stärke unseres Volkes. Damit entsteht nicht eine platonische Liebe zu unserm Vaterland und zum Gehorsam, sondern ein wahrer Stolz und folglich eine Leidenschaft, sich selbst italienisch zu fühlen. Und was will der Faschismus anderes?"

Mit diesen Worten empfahl 1926 Mussolinis Erziehungs-Minister Pietro Fedele die Integration der Montessori-Methode und der wenigen Montessori-Institutionen in die zweite Phase der italienischen Bildungsreform, die als das eigentlich faschistische pädagogische Werk bezeichnet wird.

(Ende des Verlagstextes)

Fazit:

Eine kritische Würdigung der Rolle der Erziehungswissenschaft in der NS-Zeit ist überfällig.

Es mutet schon bizarr an, daß ein Begriff wie "Reformpädagogik" seine letzte inhaltliche Auffrischung in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfahren hat. Man gewinnt den Eindruck, daß die Erziehungswissenschaft seitdem keine allzugroßen Erkenntnissprünge gemacht hat. Warum wäre sonst zum Anfang des 21. Jahrhunderts ein Rückfall auf ein Modellvorhaben der Nationalsozialisten überhaupt möglich und von der Fachwelt geduldet? Die Öffentlichkeit verdient hier eine umfassende, ehrliche Aufklärung - ohne Beschönigungen, entschuldigende und abwiegelnde Ausflüchte, sondern klare, ehrliche Worte.

Auch scheint seit Petersen, der sporadische Erlebnisberichte und wissenschaftliche Ergebnisse nicht scharf trennen konnte, streng wissenschaftliches Arbeiten in der Pädagogik noch immer nicht die Regel zu sein. Unverbindliche Erlebnisberichte sind keine Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis.

Was großen Konzernen, Staatsunternehmen und Organisationen und Religionsgemeinschaften möglich war, nämlich, ihre Rolle im Nationalsozialismus zu analysieren und zu bearbeiten, letztlich wenigstens im Wege der Dokumentation sich dazu zu bekennen, steht für die Erziehungswissenschaften unseres Wissens noch aus. Anders wäre die Fehlbesetzung der Rolle eines Protagonisten einer Schulreform mit einer Persönlichkeit wie Peter Petersen nicht denkbar.
Ein schwerer Vorwurf ist den Politikern und ihren Referenten und Ideengebern zu machen, die dieses Konzept einer nichtsahnenden Öffentlichkeit ohne eine Offenlegung der  Hintergründe präsentiert haben. Sie haben zumindest grob fahrlässig gehandelt, wenn nicht vorsätzlich. Jedenfalls haben sie zumindest unser Vertrauen endgültig verloren.

Die geforderte kritische Selbstanalyse der Erziehungswissenschaft mag als Übungsfeld für eine wissenschaftlichen Kriterien gerecht werdende Methodikevaluation dienen - das Ergebnis sollten die Erziehungswissenschaftler der Öffentlichkeit nicht allzulange vorenthalten.

Zuletzt aktualisiert am 24.09.09